Der Debatten-Tag

Tag 4
Freitag, 29. November 2019

Unterm Schwerpunkt Debatten konzentrierte sich der Freitag Abend auf Mechanismen und gesellschaftliche Auswirkungen von Angst. Jörg-Uwe Albig eröffnete das erste Podium mit einer Lesung aus Zornfried, gefolgt von Sherko Fatah, der aus seinem aktuellen Roman Schwarzer September vortrug. Nach den Lesungen – über einen Reporter, der in die Szene der Neuen Rechten, bzw. in den Dunstkreis ihres Gesinnungsdichters gerät (Albig), und über die Hintergründe der palästinensischen Terrorgruppe Black September Organisation (Fatah) – stieß Julia Ebner hinzu. Sie gab Einblick in ihre Publikation Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, bzw. in ihre Recherche, die sie inkognito in die Netzwerke von Neuen Rechten und Islamisten gleichermaßen geführt hatte. Angst, das zeigte das von Wolfgang Popp moderierte Gespräch, ist nicht nur erklärtes Ziel, sondern auch Auslöser für Terrororganisationen jeglicher Couleur und politischer Ausrichtung: Viele spätere Täter werden durch Angst – etwa vor Überfremdung, Arbeitslosigkeit, Demütigung – in den Extremismus getrieben. Angst wird nicht nur geschürt, sondern schafft auch die Voraussetzungen für terroristische Organisationen, sie ist ein wesentlicher Aspekt im Prozess der Radikalisierung.

Dieser ist einem fortlaufenden Wandel unterworfen. Sahen die PLO oder die RAF, wie in Fatahs penibel recherchierten Roman dargestellt, den Terror noch als Mittel zum Widerstand, basierend auf einer sehr eigenwilligen Vorstellung moralischer Grundsätzen, bewirkt das WWW profunde Veränderungen: Apokalyptische Szenarien erfahren eine inflationäre Verbreitung, die Flucht in die Anonymität lässt moralische Schranken fallen, die Möglichkeiten zur Vernetzung, bzw. auch zur ersten Kontaktaufnahme und Infiltration, haben sich erhöht. Es hat sich eine Art digitaler Dualismus entwickelt, eine für die Online-Community verübte und von ihr verbreitete Gewalt, wie etwa die Attentate in Christchurch oder Halle zeigten, die live in das Netz eingespeist wurden. Diese vom WWW beeinflussten Angstszenarien wurden im Gegensatz dazu auch vom IS benützt, man denke an die PR-Videos, die bald nach de Auftauchen der islamistischen Miliz im WWW kursierten, professionell geschnittene und bearbeitete Verwertung der gefilmten Enthauptungen und Explosionen. Eine interessante Diskussion entwickelte sich zwischen Albig und Ebner, als es um die Frage gibt, was ein Unterschied zwischen rechten und linken Terrororganisationen sein könnte. Die Rechten, so Albig, bieten keine Utopie, keine neue Welt, nur den Kampf, die Zerstörung, aus der man siegreich hervorgehen werde. Ebener widersprach: Doch, es gebe überall Utopien, jede Form des Extremismus verspreche eine bessere Zukunft, eine Überwindung der Ängste.

Welche Ängste in der Vergangenheit liegen und wie diese die Gegenwart aushöhlen, davon handelte der abschließende zweite Programmpunkt. Josef Haslinger las aus Mein Fall, dem im Jänner 2020 erscheinenden Buch über seinen als Zehnjähriger erlittenen Missbrauch durch einen Pater des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl. In einer beeindruckend kunstvoll und genau gearbeiteten Form, klar und mithilfe von Leerstellen und Umkreisungen, schafft es Haslinger, von diesem selbst erfahrenen Verbrechen zu berichten.

Ariadne von Schirachs Vortrag – basierend auf ihrer aktuellen Publikation Raus aus der psychotischen Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden – bildete einen auffälligen Kontrapunkt zu Haslinger. Sie sprach vom Wert des Lebens, der zur Verwertbarkeit verkommen sei, und von der Schönheit jedes einzelnen Daseins, und sorgte ob der jugendlichen Wortwahl und des gesellschaftlichen Privilegien nicht abgeneigten Inhalts für einige Irritation im Publikum. Das „chinesische Denken“, das von Schirach neben Philosophie u.a. an der Berliner Universität der Künste unterrichtet, mag sich als konfuzianische Abwandlung darin spiegeln, dass der Angstmache und der allgemeinen Weltuntergangsstimmung eine Hinwendung zum aktuellen, eigentlichen, privaten Leben gefordert wurde, ein Einfügen in das Gegebene, um in dieser besten allen Welten der bestmögliche (oder zufriedenste) Mensch zu sein. Das nachfolgende, von Günter Kaindlstorfer geleitete und mitsamt Kathrin Röggla absolvierte Gespräch griff die von Haslinger und von Schirach berührten Themen auf: Vom Zusammenhang zwischen Religion und Sexualität, über die durch Religion evozierten Ängste und deren in der Liturgie stattfindende Simulation, bis hin zum aktuellen Klimawandel, das nur oberflächlich ein Schreckgespenst ist wie es in den 1970ern das Waldsterben war, und wie dieses zu raschem Handeln verlangt.

Über Angst zu sprechen, so einer der gezogenen Schlüsse, heißt, die ökonomische Situation mitzudenken. Ängste als Merkmale von Privilegien, von Wohlstand und sozialer Position; je nach gesellschaftlicher Lage verändert Angst ihr Erscheinungsbild. Angst, und darin fanden die drei Autor*innen einen gemeinsamen Nenner, erwächst in der heutigen Zeit auch aus dem Umstand, dass wir uns einen Übergang befinden, einem Zustand zwischen alten und neuen Geschichten. Die Verunsicherung, die in den Gesellschaften der Industriestaaten durch den Wegfall einst mächtiger Institutionen zu spüren ist, rührt von diesem Wandel her. Angst, zitierte von Schirach Kierkegaard, ist auch der Schauer der Freiheit. In dieser Lesart ist Angst gleichbedeutend mit der Erkenntnis von Alternativen, ein Moment der Entscheidung für etwas Neues, Unbekanntes.