Der Erich Fried Preis 2019 geht an Steffen Mensching

Christoph Hein © M. Holdt / Suhrkamp Verlag – Download
Steffen Mensching © Friederike Luedde – Download

Christoph Hein wurde als junger Schriftsteller im Jahr 1990 vom deutschen Literaturwissenschaftler Hans Mayer zum ersten Erich Fried Preisträger ernannt. Auch fast dreißig Jahre später hat sich an der Zuerkennung des Preises durch eine/n wichtige/n deutschprachige/n Autor/in nichts geändert.

2019 zeichnet Christoph Hein für die Wahl verantwortlich. Er hat sich für Steffen Mensching entschieden, Dichter, Romancier und Theaterintendant in Rudolstadt:

Christoph Hein in seiner Jurybegründung:
Mit seinem Roman „Schermanns Augen“ gelang es Steffen Mensching, einen Roman zu schreiben, der die erste Häfte des zwanzigsten Jahrhunderts erfasst und genauestens zu benennen vermag.

Es ist das Jahrhundert von Hitler und Stalin, die Europa und der Welt ihr angst- und grauenerregendes Siegel aufprägten, die nicht allein ihre Völker und Länder in mörderische Ideologien führten und einen zweiten Weltkrieg entfachten. Vor fünfundsiebzig Jahren wurde dieser Krieg beendet, Europa lag in Schutt und Asche, und noch immer bestimmt er nach wie vor die Weltgeschichte. Dem 2. Weltkrieg folgte als unmittelbare Konsequenz der Kalte Krieg zwischen den ideologischen Blöcken. Dieser Kalte Krieg endete, ohne dass er in einen heißen umschlug, wenngleich er wiederholt an den Rand eines solchen geriet. Und nach dem Ende des Kalten Krieges begannen nationale Kriege und ein uns noch immer beherrschender und bedrohender Crash der Kulturen und Religionen.

Deutschland und Russland hatten einst die halbe Welt oder doch halb Europa im Griff, nötigten ihnen ihre Ideologie auf und den opferreichen Kampf ihrer Ideologen. Noch ist die Welt von diesen Kämpfen gezeichnet, die Wunden vernarben, aber schmerzen noch immer, und eine Wiederkehr dieser blutigen Schlachten scheint nicht ausgeschlossen zu sein. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.


Mensching gelingt mit seinem Buch etwas ganz Einzigartiges. Und wenn sich dem Leser des umfänglichen Romans sukzessiv dessen Konstruktion erschließt, entsteht eine weitere und völlig andere Spannung. Unwillkürlich fragt man sich bei der Lektüre, ob der kühne und aberwitzige Einfall den riesigen Roman zu tragen imstande ist. Denn Mensching verortet seinen europäischen Jahrhundertroman an einem einzigen Fleck, einer winzigen und völlig entlegenen Ortschaft, in Safranowka, dem GULAG ITL 47. Ihm gelingt es, dieses winzige Lager im unwirtlichen Sibirien zum Dreh- und Angelpunkt seines gewaltigen Werkes zu machen, einer Arbeit, die minutiös genau ist, faktenreich und quellensicher.

Es ist nicht weniger als ein Jahrhundertroman.

Der mit 15.000 Euro dotierte Literaturpreis wird vom Bundeskanzleramt gestiftet und von der Internationalen Erich Fried Gesellschaft vergeben. Die Preisverleihung findet zum Festivalabschluss am 1. Dezember im Literaturhaus Wien statt.

„Gegründet im Jahr 1989, vergibt die Internationale Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache seit 1990 den von der Republik Österreich gestifteten Erich Fried Preis. Heuer hat der erste Preisträger dieses renommierten Literaturpreises – Christoph Hein – die Aufgabe übernommen, als alleiniger Juror einen Preisträger zu nominieren. Seine Wahl ist auf Steffen Mensching gefallen. Steffen Mensching ist vieles: Kulturwissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, Filmemacher, Kabarettist und Intendant. Vor allem aber ist er ein Dichter und Romancier, der zuletzt mit seinem umfangreichen Roman „Schermanns Augen“ Kritik und Publikum gleichermaßen begeistert hat. Ich gratuliere sehr herzlich zum Erich Fried Preis 2019“, so Alexander Schallenberg, Bundesminister für EU, Kunst, Kultur und Medien im Bundeskanzleramt.


Steffen Mensching,
geb. 1958 in Berlin (Ost), studierte an der HU Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete viele Jahre als freiberuflicher Autor, Schauspieler, Clown und Regisseur. Bekannt wurde er vor allem durch die Clownsprogramme, die er mit seinem Partner Hans-Eckardt Wenzel auf die Bühne gebracht hat (u. a. Letztes aus der DaDaeR, 1983 – 1989). Seit der Spielzeit 2008/09 ist Steffen Mensching Intendant am Theater Rudolstadt.
Seine erste größere Gedichtsammlung Erinnerung an eine Milchglasscheibe erschien 1979, zuletzt veröffentlichte er im Aufbau Verlag die Romane Jacobs Leiter (2003) und Lustigs Flucht (2005). 2001 gab er das Traumbuch des Exils des deutschen Schriftstellers und Kommunisten Rudolf Leonhard ebenfalls bei Aufbau unter dem Titel In derselben Nacht heraus. 2018 erschien der Roman Schermanns Augen im Wallstein Verlag.
Mensching ist Mitglied des Deutschen PEN und erhielt im November 1989 den Heinrich-Heine-Preis (noch zu DDR-Zeiten), den Deutschen Kleinkunstpreis sowie den Kabarettpreis der Stadt Nürnberg.

Christoph Hein,
geb. 1944 in Heinzendorf/Schlesien. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin.
Der literarische Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit der Novelle Der fremde Freund (Aufbau / außerhalb der DDR unter dem Titel Drachenblut erschienen). Das Thema des Sich-zurecht-Findens eines verunsicherten Protagonisten in einer zunehmend individualisierten und kalt erscheinenden Welt griff Hein auch in späteren, vielfach beachteten Arbeiten wie Der Tangospieler (Aufbau, 1989) und Landnahme (Aufbau, 2004) auf. Seit seinem Roman Willenbrock (2000) erscheinen Christoph Heins Bücher bei Suhrkamp.
Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis, sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.