Die Angstmaschine

Tag 2
Mittwoch, 27. November 2019

Eine munter-interessiertes Menschenhäufchen ist auf den Sitzreihen im Souterrain des Literaturhauses verstreut und erwartet den ersten Programmpunkt des zweiten Tages. Er dreht sich um den Ausstellungsbeitrag von Claudius Lazzaroni und Rainer Merkel: Die sogenannte Angstmaschine war zuvor anderswo ausgestellt und ihre Reise dem Namen entsprechend von Schrecklichkeit begleitet. Eine Bombendrohung im Museum verhinderte erst die Abholung. Ein Teil der Maschine wurde dann wegen eines unlesbaren Sendungsetiketts mehrmals zwischen deutschem und österreichischem Lieferdiensten hin und her geschickt und ist nun verloren in irgendeinem unbekannten Paketlager – so oder so ähnlich gehen die Legenden, die man sich im Literaturhaus erzählt. Der letztendlich heil angekommenen Installation merkt man keine Unvollständigkeit an: Aus einem Wust von Technik in einer Holzkiste führen Kabel auf einen Tisch und unter eine Glasglocke, wo auf einer Kindertrommel als Sockel der Kern des Ganzen steht – ein kleines, metallenes Monster, putzig und zartrosa. Während der Lesungen ist sie ausgeschaltet, doch sonst für alle Besucher*innen zugänglich. Sie reagiert auf alle, die sich ihr nähern.

Vor dem eigentlichen Auftritt der Angstmaschine lesen die Festivalleiterin Anne Zauner höchstselbst, Pascale Moussobaa und Thomas Ballhausen die für die Installation gesammelten Angst-Statements. Die befragten Passant*innen berichten von der Angst vor dem Klimawandel, dem Kapitalismus, dem Ersticken, von der Angst davor, einen blöden Witz zu machen, die Kontrolle über die eigenen Ausscheidungen im Alter zu verlieren oder die eine, wahre Liebe, von der immer erzählt wird, nicht zu finden. Angst nur vor der Plötzlichkeit: Nichts mache ihm oder ihr Angst – so eine der Stimmen – , da man ja alles Furchtbare irgendwie erfassen und überwinden könne. Wenn etwas Angst mache, dann nur dieses eine: Die Angst, dass etwas einmal zu plötzlich komme, sodass man es nicht erwischt.

Gerade dieses übermannende Moment der Angst streicht der Klangforscher und Professor für Interface-Design Claudius Lazzeroni im anschließenden Gespräch mit Autor Rainer Merkel heraus. Sie verlange nach unbedingter Handlung, Angst als Motor und Chance. Es beginne, so Lazzeroni, beim eigenen Leibraum. Wenn ein anderes Wesen auf weniger als eine Armlänge herankommt, ohne dass es eine ersichtliche Notwendigkeit dafür gibt, erzeuge dies Angst. So auch bei der Angstmaschine. Nähert man sich ihr, so bewegt sie sich. Sie krümmt sich, mal ängstlich ausweichend, mal attackierend, und gibt dabei unvorhersehbare Geräusche von sich. Die als Sockel dienende Kindertrommel – so erfahren wir – dient als Resonator und verstärkt die Geräusche der Motoren. Von Kontaktmikrofonen abgenommen und durch Modularsynthesizer geschleift und dynamisiert sind es die bloßen Bewegungen der Maschine selbst, die die Klangcollage erzeugen. Nichts kommt vom Band, bis auf die Originalaufnahmen der Angst-Statements, welche als Anrede an diejenigen, die der Maschine zu nahe kommen, in den Sound eingespeist sind. Was ihn am meisten interessiere – „wie eine Göttin, die man nicht anfassen darf“ – so Lazzeroni, sei das Unsteuerbare an der Technik: Im Soundbereich allen voran das Phänomen des Feedbacks. Oder die Unvorhersehbarkeit der Bewegungen seiner Maschinen, die Lazzeroni im französischen Domizil baut und mit denen er, so gewinnt man den Eindruck, zusammenlebt. Sie schreiben und malen Bilder. Sie laufen herum, sie machen Geräusche. Manchmal spreche er mit ihnen, so Lazzeroni. Wie viel braucht es, damit der Eindruck von Leben, von Seele entsteht? Nicht viel, ein paar Servomotoren, ein paar Schaltkreise. Sein Bestreben sei es, mit möglichst geringen Mitteln Verhalten zu erschaffen. Auch er wisse nicht, ob und wie die Maschine reagiere, wenn er nun im Anschluss mit ihr gemeinsam performe.

Wir wohnen einem Moment der interspezifischen Kontaktaufnahme bei: Mit berührendem Ernst schauen sich Lazzeroni und das kleine rosa Metallwesen an, unklar ob sie Rivalen oder Partner oder beides sind. Die Maschine sträubt sich, bebt und zuckt in ihrem Glassturz. Der gespannte Mensch am anderen Ende der Kabel fängt die Geräusche mit seinen Pulten und Reglern auf – das bassige Dröhnen, das Knarren, das tierische Schnauben – und schält Frequenzbänder heraus, baut kleine Loops aus den Klängen, schleift sie durch einen Delay-Effekt; versucht – wie er im Gespräch hinter der Bühne sagt – das, was die Maschine von sich aus erzeugt, am Leben zu erhalten. Der Klang wird kristallin, sphärisch-säuselnd. Lazzeroni gibt eigenes Material zu, wir hören Orgelartiges, ein Beat setzt ein. Gegen Ende der zehnminütigen Performance, als es leiser wird, beginnen wieder die vorsichtigen und erwartungsvollen Blicke hin zur Maschine, die er gebaut hat, doch deren Meister er nicht ist.