Jeanette Winterson (GB) • The World’s First Disruptive Start-up

Das erste Wort sollte „Ach“ sein. Ich fange also gleich zu Beginn erneut an, noch bevor es wirklich losgegangen ist, noch bevor das Festival also schließlich an die Stelle seiner Vorbereitungen rückt.

Ach.

Musikalisch beschwingt spricht Literaturhaus-Geschäftsführer Robert Huez vor dem in dichten Reihen sitzenden und stehenden Publikum über das Festivalthema, dem „Reden über die Liebe“. Julia Danielczyk, die Vertreterin der Stadt Wien, rückt das vorangestellte, mit einem Ausrufezeichen versehene Wort nach vorne. Beide erwähnen die vielfältigen Bedeutungsebenen des „Ach!“, die Schwierigkeit, ein so immerwährendes, vermeintlich leicht zu erfassendes und zugleich aber auch ungreifbares Thema zu adressieren; sie betonen aber auch die Bedeutung dieses Festivals für den Dialog österreichischer und internationaler literarischer Positionen. Festivalleiterin Anne Zauner schlägt in ihren einleitenden Worten, dann jenen persönlichen Ton an, der den Eröffnungsabend prägen wird, sie leitet zur Eröffnungsrednerin Jeanette Winterson über. Anne umreißt dabei aber nicht einfach nur Biografie und Werk der renommierten Schriftstellerin, nein, sie spricht von Zweifel, von Fragen und Suchen, von all dem, was sich im Erzählen ausartikulieren kann. Als sie vom Mut der Verzweifelten spricht, bin ich vielleicht unwillkürlich ein wenig zusammengezuckt, so wie ich da an die Wand gelehnt stehe, immer wieder meinen Blick über das Publikum schweifen lasse. Der zweite Name der Britin, die dann selbstbewusst das Mikrofon in die Mitte der Bühne stellt, ist bestimmt, so finde ich es in meinen Notizen, so wird es uns versichert, Furchtlosigkeit. Da steht nun eine Frau, die die Gegenwärtigkeit der Literatur (und: auch der Literaturgeschichte) einlöst und demonstriert. Mit einem „Good? Not good? … Good.“ versichert sie sich der Aufmerksamkeit aller.

Winterson spricht in ihrer optimistischen, ja positiven Rede von der tragischen Verbindung von Liebe und Macht, einer Gefahr, die sich insbesondere dann zeigt, wenn sie zwischen Liebenden unterbleibt, wenn die Religion sie uns vorsätzlich unterschlägt. Die notwendige Sprache dafür, so macht sie eindringlich klar, muss und will gelernt sein – eben weil es eine Qualität der Herzen ist, gebrochen werden zu können. Das ist bei aller Grausamkeit, so wird mir Satz für Satz klarer, ein Hinweis darauf, die Liebe verstehen zu lernen, um (sich) zu verstehen. Die Decodierung der Liebe, die ausschließlich mit den Mitteln der Literatur und den Möglichkeiten der anderen Künste zu leisten ist – wie auch sonst – führt uns die fatalen Verwicklungen und Verwechslungen vor. Sex ist eben nicht Liebe, so die Britin, Begehren wird zur ordnungshörigen Gefahr, wenn sie beliebig wird. Diese nicht zuletzt in Ablenkung und Gedankenlosigkeit geerdeten Umstände gilt es zu verstehen, bevor wir sie überwinden können. Man könnte sich angesprochen fühlen, zustimmendes Nicken ringsum. Wie überbrücken wir gefährliche Momente, wie können wir die Stille sprechen lassen?

Eben in der anerzogenen Sprache, der damit einhergehenden Normalität, finden diese gefährlichen Wege ihre Bestätigung. Dem zu entkommen heißt, ebendiese Sprache zu verlernen, um sich der Liebe wirklich annähern zu können. Sie macht uns zu Anfängern im aktuellen etymologischen Sinn, sie macht uns zu Novizen, die (sprachliche) Arbeit zu leisten haben, zuerst und immer auch an uns selbst. Spätestens jetzt kann, muss man sich nicht mehr nur angesprochen, sondern auch ertappt fühlen. Etwas rührt sich in uns, etwas, dem ich mich bei aller Fokussierung auf meine Aufgabe einer ersten Mitschrift nicht entziehen kann. Angesichts einer Liebe, die uns in ihrer Kraft und Lebendigkeit auch erschreckt, uns anleitet, sozial akzeptierte Panzerungen und Sicherungsmechanismen abzulegen, finden wir die Befähigung zum Grenzgang. Entlang dieser gezogenen Linien endet eben nicht nur etwas, nein, hier beginnt auch stets etwas. An einem Markstein, der den Übergang zum Unerträglichen bezeichnet, entscheiden wir uns für die Liebe, trotzdem oder auch gerade eben deshalb. Wir wollen, wie könnte ich mich ausnehmen, nichts weniger.

Ach.

Der Eindringling Liebe befragt die Möglichkeiten der Ordnung und die dahinterstehenden Ideologien. Wir verwirken in ihr unser ohnehin nur vermeintliches Recht auf Gehorsam. Wer also will und kann ich sein, der Liebe preisgegeben, angesichts dieser Wirklichkeit und den Zumutungen des sogenannten Alltags? Wie sehe ich den Anderen, das Gegenüber, das mich strahlen lässt, wie sonst niemand? Die Option einer Infragestellung des Gewohnten will nicht bedauert werden, egal, was sie uns kostet – und die Liebe kostet uns alles. Das schreibt sich leichter als es sich führt, es schreibt sich richtiger als ich es gleich verstehen kann. Im befragenden Innehalten macht die Liebe der Ordnung Angst. Die Liebe lässt erkennen, was tragisch, lustig oder auch arrangiert ist. „The key is, to fight for things“, so die Schriftstellerin. Mit ihrer Wucht, das macht auch das ausführliche Publikumsgespräch klar, legt sie den Blick auf den Anderen frei, der Blick wird aber auch geschärft für Ignoranz, Engstirnigkeit und Fundamentalismus.

Die eingeforderte Herzensbildung, die „education“, die Winterson im anschließenden Gespräch mit Anne Zauner ausführt, kennt kein Ende und muss nicht zuletzt ihren Weg über das Erzählen nehmen. Die Veränderung unserer Geschichten, eben um Geschichte positiv zu verändern, ist dabei aber eben kein Relativismus, sondern die Revolution in (oder auch: mit) der Liebe. Mit ihr wird möglich, was irritiert und befreit, was uns in letzter Konsequenz menschlich macht. Auch wenn sie uns manchmal zu kompliziert, zu fordernd und überfordernd scheint, wir können nicht ohne sie. Ich lasse das, beim nachträglichen Schreiben und Neuschreiben, jetzt einfach mal so stehen, mein analytischer, mitunter zynischer Kopf soll heute Feierabend machen.

„I am not giving up, until I’m dead.“ Das ist beruhigend, inspirierend.

Stehen wird mir, an die Wand gelehnt und schreibend, ich bin mir ganz sicher, auch in den folgenden Tagen des Festivals nicht schwer fallen. Es wird ganz leicht sein, wenn ich nur an Dich denke.