Dima Wannous & Claudia Rankine

Tag 2
Mittwoch, 27. November 2019

Der Mittwoch Abend bot zwei hochkarätige Lesungen. Vorgestellt und befragt von Peter Zimmermann gab es im Literaturhaus zuerst Dima Wannous zu erleben. Die syrische Autorin brachte den Roman Die Verängstigten mit, letztes Jahr in deutscher Übersetzung bei Blessing erschienen. Das Festivalthema findet sich in diesem Buch auf vielfältige Weise gespiegelt: Angst und ihre Verwendung zu politischen Zwecken, Angst und die Taktiken, ihrer zerstörerischen Kraft zu entrinnen. Die Verängstigten erzählt von Suleima, die im Wartezimmer eines Psychologen den Arzt und Schriftsteller Nassim kennenlernt. Sie gehen ein Amour fou ein, die durch den Krieg zu einem erzwungenen Ende kommt. Aus Deutschland, wohin ihn die Flucht verschlagen hat, erhält Suleima erhält von Nassim ein Romanmanuskript, das die Erfahrungen des Lebens in der Diktatur verarbeitet; in der Figur der Salma erkennt sie sich wieder. Im Text und in den Aussagen Wannous‘ wurde deutlich, wie das syrische Regime seit Jahrzehnten ein System anhaltender Angst erschafft. Auch der Krieg – den als solchen zu bezeichnen Dima Wannous ablehnt, es sei, sagte sie, nach wie vor eine Revolution des syrischen Volkes, trotz der Einmischung der internationaler Interessen, allen voran Russlands und des Irans – habe daran nichts geändert, die Handlanger Assads benützen den Kampf gegen Islamismus als Rechtfertigung für ihren anhaltenden Terror. Dass das Nicht-Aussprechen-Dürfen gewaltvoller Erfahrungen die syrische Gesellschaft durchzieht, belegt Die Verängstigten, bzw. der von Nassim verfasste Roman im Buch, auf eindrückliche Weise. Der Roman zeigt die Mechanismen, mithilfe derer das Regime bis in das Innerste einzelner Familien vordringt, und durch die schleichende Angst vor Spitzel, Anklage und Folter eine Gesellschaft aushöhlt.

Eine der Protagonistinnen in Wannous‘ Roman erklärt in Bezug auf den menschlichen Körper ihre Vorliebe für die Knochen, das Harte. Nicht das Fleisch entspricht ihrem Schönheitsideal, sondern beispielsweise das Schlüsselbein, das sich durch die Haut abzeichnet. Einen Sinn für das unerwartet Andere, einen wortwörtlich unter die Haut gehenden Blick bewies auch Claudia Rankine, die zum Abschluss des Abends im Gespräch mit Florian Höllerer in ihr jüngstes Buch Citizen: An American Lyric einführte, letztes Jahr bei Volte Books in deutscher Übersetzung erschienen. War die Angst bei Wannous ein Werkzeug des Regimes, um an der Macht zu bleiben, so zeigt Rankine anhand der gegenwärtigen, gegen die schwarze Bevölkerung der USA gerichteten Rassismen, wie Angst sich über Jahrhunderte verfestigen und zu einer integralen, verschwiegenen Facette der Gesellschaft werden kann. Die von Amanitta Forna am Eröffnungsabend angeregte Notwendigkeit an neuen Geschichten findet in Rankines Werk zu einer neuen Form: Der lyrische Essay umfasst eine Collage aus Fotografien, Zitaten, Ausschnitten zeitgenössischer Kunstwerke und Filmstills. Von Rodney King über die Anfeindungen, die Serena Williams 2004 und 2007 bei den US Open hinnehmen musste, über die dokumentierten Verbrechen eines Lynchmobs, dessen Abbild zu einem Postkartenmotiv wurde, bis hin zu den alltäglich beim Einkaufen zu erlebenden, oftmals von Seiten der Ausübenden nicht einmal wahrgenommenen Rassismen, mit denen Weiße auf Menschen anderer Hautfarbe reagieren: Citizen legt offen, welche Brüche es in der westlichen Gesellschaft nach wie vor gibt, wie sehr diese von Vorurteilen und tradierten (Feind-)Bildern geprägt ist. Wie Florian Höllerer es passend formulierte: Rankine schreibt vom feinen Riss in der Gesellschaft, in dem sich das Erdbeben spiegelt, das sich ankündigt oder dessen Erschütterung noch zu spüren ist. Riss und Erdbeben sind in der überzeugenden Darlegung Rankines an die Konstruktion von „Whiteness“ gekoppelt: Die weißen, männlichen Zentren, auf die sich auch Amanitta Forna bezog, werden mitsamt ihrer Privilegien infrage gestellt, siehe den in der Kolik abgedruckten Essay, der wiederum die Grundlage eins Theaterstücks bildet, an dem die Autorin momentan mit rund zwanzig weißen Männern und einer schwarzen Frau arbeitet und das nächsten März in New York Premiere haben wird.