Peter von Matt (CH) • Sieben Küsse / Hanif Kureishi (GB) • The Nothing

Peter von Matt präsentierte seinen jüngst bei Hanser erschienenen Band Sieben Küsse und erlaubte im Gespräch mit Karl Wagner Einblicke in die vielfältigen Möglichkeiten, die ein als Literatur verewigter Kuss dem Denken und Rezipieren öffnet. In Virginia Woolfs Mrs. Dalloway liegt dieser Jahrzehnte zurück, besitzt aber dennoch genügend Nachwirkung, um drängende Fragen von (Bi-)Sexualität und Feminismus aufzurollen. Geschlechterzuweisungen werden im Werk Woolfs ebenso glaubwürdig in ihrer Künstlichkeit entlarvt, wie die Risse deutlich werden, die der 1. Weltkrieg aufgrund der unzähligen Gefallenen in der britischen Gesellschaft hinterließ – und im Mittelpunkt dieses Reigens, als Auslöser dieses sprachlich mitreißenden Textes, fungiert jene einmalige, längst vergangene Zärtlichkeit zwischen der Clarissa Dalloway und ihrer Jugendfreundin Sally Seton. 

Ein anderer Kuss löst eine schier unglaubliche Selbstillusion aus: In einer Erzählung Anton Tschechows, die passenderweise den Titel Der Kuss trägt, bekommt Stabshauptmann Rjabowitsch am Rande einer Ballnacht in einem dunklen Zimmer einen aufgedrückt und gibt sich in der Folge dem Traum hin, diese unerwartete, ihm versehentlich zugedachte Geste könne von jenem Mädchen im fliederfarbenen Kleid sein, das er zuvor auf der Tanzfläche beobachtet hatte. Die Vorstellung wächst sich zu einer Rjabowitschs Leben erschütternden Fantasie aus. Der bis dahin in Bezug auf Frauen gelinde gesagt unbedarfte Soldat gebärdet sich als erfahrener Liebhaber, selbst eine Hochzeit scheint möglich – Umwälzungen, die ebenso schlagartig ihre reale Kraft verlieren, wie sie entstanden sind.

Von Matt kam auf einen wichtigen Punkt zu sprechen, nämlich, dass die literarische Sprache im Versuch, das Phänomen der Liebe zu fassen, dazu neigt, ins Religiöse abzudriften. Dies wird im Essay zu Gottfried Keller deutlich bzw. zu dessen Roman Der grüne Heinrich. In seinen Anmerkungen zu Gottfried Keller Her kommt der Tod, die Zeit geht hin schreibt W. G. Sebald, dass „Kellers Prosa, die doch bedingungslos allem Lebendigen zugetan ist, ihre staunenswertesten Höhepunkte gerade dort erreicht, wo sie an den Rändern der Ewigkeit entlangführt. Wer sich dahinbewegt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, der spürt immer wieder mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten hinuntergeht, wie das Tageslicht manchmal schon schwindet vor den von weit draußen hereinziehenden Schatten und oft beinah erlischt unter dem Anhauch des Todes.“

Der Reiz des grünen Heinrich ergibt sich aus der Distanz, die Keller zur Religion einhält, und mit der er spielt, um Leser*innen den Romanhelden in all seinen Schwierigkeiten näher zu bringen. („Nichts mochte Keller so wenig leiden als die Bevormundung durch die Religion, nichts ist ihm derart zuwider gewesen wie die Bigotterie.“, schreibt Sebald.) Wie sich Liebe in der Literatur darstellen lässt, mit den Füßen am Boden und skeptisch der Transzendenz gegenüber, dafür bietet Keller genügend Beispiele, wie von Matt in bester germanistischer Feinarbeit darlegt. Eine der faszinierendsten Passagen mag jene sein, in der sich Heinrich an den Moment erinnert, da er mit dem Tod seiner Base Anna konfrontiert wurde. Und weil diese Sätze so schön sind (und Peter von Matt nicht nur die durch und durch gewissenhafte und sinnliche Beschäftigung mit Literatur angerechnet werden muss, sondern auch die Tatsache, dass man durch ihn auch wieder dieser besonderen Stellen erinnert wird), möchte ich diese folgend zitieren. Heinrich erzählt: „[der Sarg] weiß wie Schnee, und kaum der leiseste rötliche Hauch des Tannenholzes schimmert noch durch, wie bei einer Apfelblüte. Er sah so weit schöner und edler aus, als wenn er bemalt, vergoldet oder mit Erz beschlagen gewesen wäre. Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gemäß eine Öffnung mit einem Schieber angebracht, durch welche man das Gesicht sehen konnte, bis der Sarg versenkt wurde; es galt nun noch eine Glasscheibe einzusetzen, welche man vergessen, und ich fuhr nach dem Hause, um eine solche zu holen. Ich wußte schon, daß auf einem Schranke ein alter kleiner Rahmen lag, aus welchem das Bild lange verschwunden. Ich nahm das vergessene Glas, legte es vorsichtig in den Nachen und fuhr zurück. Der Geselle streifte ein wenig im Gehölz umher und suchte Haselnüsse; ich probierte indessen die Scheibe, und als ich sie fand, daß sie in die Öffnung paßte, tauchte ich sie, da sie ganz bestaubt und verdunkelt war, in den klaren Bach und wusch sie sorgfältig, ohne sie an den Steinen zu zerbrechen. Dann hob ich sie empor und ließ das lautere Wasser ablaufen, und indem ich das glänzende Glas hoch gegen die Sonne hielt und durch dasselbe schaute, erblickte ich das lieblichste Wunder, das ich je gesehen. Ich sah nämlich drei musizierende Engelknaben; der mittlere hielt ein Notenblatt und sang, die beiden anderen spielten auf altertümlichen Geigen, und alle schauten freudig und andachtsvoll nach oben; aber die Erscheinung war so luftig und zart durchsichtig, daß ich nicht wußte, ob sie auf den Sonnenstrahlen, im Glase oder nur in meiner Phantasie schwebte. Wenn ich die Scheibe bewegte, so verschwanden die Engel für Augenblicke, bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung wieder bemerkte. Ich habe seither erfahren, daß Kupferstiche oder Zeichnungen, welche lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen, während der dunklen Nächte dieser Jahre sich dem Glas mitteilen und gleichsam ihr Spiegelbild in demselben zurücklassen.“

Es war also keine himmlische Zuwendung, die ihn von seiner geliebten Base Abschied nehmen und die Engel erscheinen ließ, sondern eine chemische Reaktion, ein Vorgang, der ganz der diesseitigen Welt zugehört. Gerade durch diese Körperlichkeit, wie auch durch die Schönheit des aus Tannenholz gefertigten Sargs und dem Waschen der Scheibe im Bachwasser, söhnt Heinrich sich mit dem Verlust aus.

Zum Abschluss des dritten Festivaltages stellte Hanif Kureishi unter anderem sein jüngstes Werk The Nothing vor, einen Roman über die Misere, die lange nach der Midlife-Crisis auf einen ehedem sexuell aktiven, nunmehr in Unwürde gealterten Mann wartet. Bereits Kureishis Debüt The Buddha of Suburbia bezog besondere Strahlkraft vom verhinderten Begehren, das die Romancharaktere umtreibt – sexuelles Verlangen als der Motor, der einen Jungen mit pakistanischem Familienhintergrund ebenso gesellschaftlich voran- und abbringt wie einen im Rollstuhl gefesselten Alten, der von der Sorge gequält wird, seine jüngere Frau gehe ihm fremd. Kureishi kam auf etwas zu sprechen, dass sich in den folgenden Tagen als wichtiger Bezugspunkt erweisen sollte: Das libidinöse Schreiben. In einem zunehmend lockeren, gewitzten Gespräch, das von seinem neuen Essay-Band Love + Hate ebenso handelt wie von der realen Vorgabe für The Nothing (nämlich er selbst und seine eingestandene Angst davor, mit zunehmenden Alter an Virilität einzubüßen), erzählte er vom abgekapselten, einsamen Schreiben, in dem sich der Großteil eines Autorenlebens abspielt; das auf sich selbst zurückgeworfene Werken in einer Stille, in der die Außenwelt höchstens durchs WWW oder Radionachrichten greifbar wird. Dieses Dasein wiederum, so Kureishi, stellt in sich einen sinnlichen Akt dar, beinhaltet in der Gleichzeitigkeit von Klausur und Weltschöpfung sowohl Hass als auch Liebe, das gesamte wunderschöne Drama.