Erich Fried Preis 2019

Tag 6
Erich Fried Preis 2019

Zum Abschluss der Erich-Fried-Tage steigen wir vom Veranstaltungsraum im Souterrain hinauf in die weiße, glasüberdachte Bibliothek des Literaturhauses, die an diesem Vormittag besonders lichtdurchflutet ist. Es ist Sonntag und Preisverleihung. Weit mehr als die dabei üblichen Sonntagsreden gibt es für das Publikum, das sich an Regalreihen entlang und von der Galerie herunter nahezu halbkreisförmig um das Rednerpult formiert hat. Niemand geringerer als Christoph Hein – selbst Erich-Fried-Preisträger 1990 – war der alleinige Juror für die Vergabe des diesjährigen Preises an Steffen Mensching. Nach einem musikalischen Auftakt des langjährigen Weggefährten Menschings – des Liedermachers Hans-Eckardt Wenzel – und einleitenden Worten von Robert Huez vom Literaturhaus, Jürgen Meindl von der Sektion Kunst und Kultur im Bundeskanzleramt sowie Susanne Schüssler, die in ihrer leidenschaftlichen Einführung Christoph Hein als politischen Autor und „widerborstiges Mitglied der Gesellschaft“ porträtiert, folgen die Laudatio Heins und die Rede des Preisträgers

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In seiner Rede rätselt Christoph Hein zu allererst darüber, wie es Mensching fertig gebracht hat, neben seiner Verpflichtung als Intendant des Theaters Rudolstadt den Roman „Schermanns Augen“ zu schreiben – einen Jahrhundertroman; nirgendwo geringer als in die Reihe großer deutschsprachiger Geschichtsromane sei dieses Buch einzuordnen, das Johnsons „Jahrestage“ und Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ folgt. Es gelinge Mensching, so Hein, Europa und seine Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem einzigen kleinen Ort zu bündeln, ja „entstehen zu lassen“, und zwar im Nebenlager eines Gulags in der entlegenen Ortschaft Safranowka. Als folge er dem aristotelischen Prinzip der Einheit von Zeit, Raum und Handlung, kommt der Roman nahezu ohne Zeitsprünge, Ortswechsel und Nebenhandlungen aus. Namensgeber und Hauptfigur ist Rafael Mauritzowitsch Schermann, ein Graphologe, dem Hellsehen und der Telepathie zugetan, der aus nicht ganz klaren Gründen im Gulag landet. Hein streicht vor allem den Humor des Buches hervor, den er in einer Nähe zum schwarzhumorigen jüdischen Witz verortet, der aber die Tragödie nicht schmälert, sowie die Sprachmelodie und den Wechsel der Geschwindigkeiten. Besonders bemerkenswert sei die Sprache der Kriminellen, die im Gulag den Ton angeben. Diese in ihren sprachlichen Mitteln sehr eingeschränkten Charaktere bringe Mensching auf eine Weise zum Sprechen, die der Sprache der Ganoven in Döblins „Alexanderplatz“ oder der Dorfbewohner in „Woyzeck“ um nichts nachsteht – eine kleine Meisterleistung. Zum Abschluss zitiert Hein die einzige, winzige Stelle des Buches, in der der Autor selbst zu Wort kommt, über die „einsame Schinderei“ des Schriftsteller-Daseins spricht und seine Selbstzweifel in Anbetracht der Ernennung zum Intendanten eines Stadttheaters offenbart.

Nach der offiziellen Vergabe des Preises durch Jürgen Meindl vom Bundeskanzleramt setzt Steffen Mensching ebenso intensiv und dringlich wie sein Laudator fort: Mensching, wie Hein ein Kind der DDR, ergießt sich zu allererst in einem augenzwinkernden Schwall von Dankesworten, der bei seinen Eltern beginnt und erst Minuten später bei Kokoschka, Eisenstein und der Republik Österreich endet.

Erich Fried in Erichs Lampenladen 1986 – dieser zweite Erich ist ein anderer Erich, Honecker nämlich, und der Lampenladen nur die informelle Bezeichnung für den Palast der Republik in Ost-Berlin. Ein Zeichen der Öffnung und des Wandels sei es gewesen, dass Erich Fried dorthin eingeladen wurde. Es war Menschings erste und einzige Begegnung mit dem Dichter; nach der Veranstaltung suchte er ihn auf, überrascht und beglückt, dass der große Erich Fried in der Diskussion auf der Bühne tatsächlich ihn selbst und den anfangs erwähnten Wenzel als literarisch/künstlerische Empfehlung aus der DDR genannt hatte. Im weiteren Verlauf des Abends zogen die drei zum Gespräch in Richtung Frieds Hotelzimmer – als „ein Trio von Kleinkriminellen“ in abgewetzten Trenchcoats, Fried mit einem wackeligen Rollwagen mit daran gezurrtem Koffer – durch Ost-Berlin. Bevor Mensching am Ende auf diese Episode zurückkommen wird, holt er weit aus, zeigt sich hochpolitisch und kritisch sowohl dem System DDR als auch dem gegenwärtigen kapitalistischen gegenüber. Das Ankämpfen gegen die Omnipräsenz des Apparats – mit dieser Phrase schließt Mensching einen Bogen vom damaligen Kampf gegen die sowjetische Kontroll- und Strafmaschine zur heutigen Allgegenwärtigkeit von Mobiltelefonen. Gar nicht kulturpessimistisch, wie dies vielleicht im ersten Moment anmuten könnte, sondern fundiert und klug verläuft seine Argumentation. Bemerkenswert ist, dass Mensching den Rückgriff auf die Biologie nicht scheut. Er zieht eine Parallele zwischen dem Anstieg der Alzheimer-Erkrankungen und der heutigen Gesellschaft – Alzheimer als Sinnbild kapitalistischer Individualisierung; der Alzheimerkranke habe nichts als die Gegenwart, keine Einbettung in eine Geschichte, keine Gesellschaft, keine Gemeinschaft; „there ist no such thing as society“ sagte bekanntlich Margaret Thatcher, die selbst an Alzheimer starb. „Ohne Erinnerung bin ich bereit alles zu tun“, so Mensching: Das „große Böse“ sei nicht radikal, es habe keine Wurzeln und sei eben deshalb grenzenlos extrem. Um den Bogen zur Digitalität zu schließen, zieht Mensching den Begriff des Ruhezustandsnetzwerkes heran. Eine Art Daseinsmodus des menschlichen Bewusstseins bzw. Gehirns, in dem Erinnerungen und Eindrücke miteinander verknüpft werden. Diesen Modus erreichen wir dann, wenn wir beispielsweise bei der Zugfahrt absichtslos aus dem Fenster schauen – etwas das immer weniger passiert, da jede Lücke dank digitaler Gerätschaften zunehmend mit Inhalten gefüllt wird. Was bedeutet das für uns als Gemeinschaft, wenn wir diese substantielle Tätigkeit vermeiden? „Mit dem Abtöten der Langeweile verringert sich unser Erfahrungsschatz“ zitiert Steffen Mensching aus einer Quelle, die der leider auch schon vom Internet geschädigten Aufmerksamkeit des Bloggers entging. Mensching beantwortet seine obige Frage zum Teil selbst . Er gemahnt an die Notwendigkeit, Tatsachen miteinander zu verknüpfen und in eine Geschichte einzubetten, an die schlichte Notwendigkeit Kausalitäten festzustellen – diese Fähigkeiten sehe er im Schwinden begriffen.

Abseits dieser schauderhaft substantiellen Feststellungen erzählt Mensching über die Vorlage für Schermann, einem tatsächlichen Graphologen und Wahrsager, der seiner 2015 verstorbenen Freundin Lily Hall, 1938 in die USA emigriert, aufgrund ihrer Kinderhandschrift vorhersagte, sie werde früh den Männern den Kopf verdrehen. „Er hatte recht“, so Hall. Zum Glück habe sie den Amtsantritt Trumps nicht mehr miterlebt, so Mensching, der selbst in den USA war. Wenn man in New York unterwegs sei, sei es oft nicht einfach, unterwegs eine Toilette zu finden, erzählt er. Eine Möglichkeit, die jedoch nicht Betracht kommt, ist der Trump-Tower. „Da geht man nicht rein, das ist ein unglaublicher Schmock“, gemahnte ihn seine Freundin Lily.

Am Ende wandert Steffen Menschings Rede zurück ins Hotelzimmer zu Erich Fried. Der war zu dieser Zeit schon krank und schwach, der Abend war fortgeschritten, doch wollte er seine Gesprächspartner nicht gehen lassen. Mitten im Satz brach er immer wieder ab und nickte ein, verlor jedoch nicht den Faden. Wie um ein Stück Reflexion reicher, wie aus dem oben erwähnten Ruhezustandsnetzwerk erfrischt zurückgekehrt führte er nach dem Sekundenschlaf seine zuvor begonnenen Sätze und Gedanken genau an der Stelle weiter, wo er abgebrochen habe.