Zehn Minuten Liebeslyrik / Tristan Marquart, Jan Wagner (Hg.) • Unmögliche Liebe / Konzert Sophia Kennedy

Für je zehn Minuten suchten Friederike Mayröcker, Jan Wagner und Oswald Egger auf drei unterschiedliche poetische Weisen dem Phänomen Liebe beizukommen. Egger mit einer hakenschlagenden Gedichtrezitation, die die im Text eingewobenen, feinen Rhythmen hörbar machte (überhaupt schien Egger sich in bestechender Form zu präsentieren, eine Vermutung, die sich im weiteren Verlauf des Abends (s. u.) bestätigen sollte); Mayröcker mit neuen, in der aktuellen kolik nachzulesenden Liebesgedichten, die, als wiederkehrendes Element ihres beeindruckenden lyrischen Kosmos‘, mitunter an E.J. gerichtet waren und deren aufblitzender Schmäh dem zahlreichen Publikum nicht entging, das seinerseits aus großteils jungen Menschen bestand und Mayröcker mit Jubelrufen bedachte; Jan Wagner, jüngst mit dem Büchnerpreis geehrt, mit Kostproben seiner Achtzehn Pasteten, seinem dritten Lyrikband, bei Erscheinen 2007 etwa von Jochen Jung als „herrliche Drecksarbeit“ gelobt, da ihm Wagners Virtuosität im Umgang mit klassischen Gedichtformen bereits ins Auge stach.

Gemeinsam mit Tristan Marquardt stellte Wagner an diesem Abend zudem die von ihnen verantwortete, jüngst bei Hanser erschienene Anthologie Unmögliche Liebe vor: Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen, von Dichter*innen wie Nora Gomringer oder Durs Grünbein aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsch gebracht. Das Podium teilten sich die beiden Herausgeber mit Ulrike Draesner, Sylvia Geist und Oswald Egger, das Gespräch förderte interessante Details zu Tage, etwa dass Minnesang zwar die verklärende, unerreichbare Liebe zum Inhalt hatte, jedoch im Grunde ein knallhartes Geschäft war: Es galt, bei Hof zu bestehen, das Publikum und allen voran die weltlichen Würdenträger zu überzeugen – nicht unähnlich also Goltzius in Greenaways zwei Tage zuvor gezeigtem Film. Ulrike Draesner warf ein, dass man nicht wissen kann, wie Mittelhochdeutsch ausgesprochen wurde, die Lesung der Originaltexte eher einem Tasten entlang einer Vermutung gleiche, wie auch unbekannt ist, welcher Art die Begleitmusik war – fest steht bloß, dass es eine Art von Spiel gab, vermutlich von einer Laute.

An diesem Abend stand nicht nur das libidinöse Schreiben im Vordergrund, sondern auch das ähnlich anregende Miteinander-Reden. Das Podium präsentierte sich in bester Laune und bot durch Sylvia Geist augenzwinkernd Einblicke in die strenge Art der Herausgeber, die den Autor*innen die Ausgangstexte meist ohne Rücksicht auf eventuelle Neigungen zuwies, Marquardt wurde aufgrund seines Künstlernamens als Pseudo-Tristan tituliert, während Draesner offenbarte, mit zweitem Vornamen tatsächlich Isolde zu heißen. Oswald Egger bearbeitete Oswald von Wolkenstein und übertrug dialektal, angestoßen von einem Zitat Gerald Bisingers, der Ungarettis Vers m‘illumino d‘immenso einst transformierte in: Ich bin immens illuminiert. Dieses Runterbrechen auf den Rausch, aufs Wirtshaus, erwies sich im Falle Wolkenstein/Egger als ideale Lösung, der dialektal alpin gefärbte Ton der neuen Version als zusätzlich mitreißend. Egger berichtete, sich gegen ein anderes Gedicht von Wolkenstein entschieden zu haben, eine sogenannte Prahlrede, in der Wolkenstein von all den Orten, die er bereist, und den mehr als 400 Frauen berichtet, die er erobert hat; eine Textgattung, die nur schwer ohne Peinlichkeiten zu übertragen ist, so Egger (und als eine Variante zeitgenössischen Raps fröhliches Fortbestehen feiert, denke ich mir).

Wie sich mit einer gesunden Portion Pathos großartige Musik machen lässt, zeigte zum Abschluss des vierten Festivaltages Sophia Kennedy in einem Konzert samt zweimaliger Zugabe. Keyboards und düster wummernde Beats, dazu Kennedys von Liebesleid bis Femme Fatale reichendes Stimmregister ergaben ein mitreißendes Schau- und Hörstück. Stick to me and I stick to you / there might be something wrong with you, too… wait for me on the other side, heißt es in einem der Songs. Das gemästete Biest jagt. / In den Daunen fühlen sie seine Sehnsucht / nach etwas, das zappeln und bluten kann… umkreist Sylvia Geist das unstillbare, desaströse, unerfüllte Begehren in einem ihrer Gedichte, die in der zum Festival erschienenen Sonderausgabe der kolik abgedruckt sind. Oder, wie in der aktuellen, 89. Ausgabe des Schreibhefts nachzulesen, die neben einem Schwerpunkt zu Roberto Bolano und den Infrarealisten auch ein Dossier zur Dichtung der Troubadoure beinhaltet (und darin u.a. die Wirkung dieser südfranzösischen, mittelalterlichen Poesie auf Ezra Pound nachzeichnet): Wo ich auch immer jetzt streife und tigre / mein Denken bestürmt Dich über und über, / denn meine Lieder / sind Liebesspeicher: durch Abschied reicher. (Arnaut Daniel in der Übertragung von Mara Genschel)