Schwerpunkt: Krimi & Thriller: Jeong Yu-jeong

Tag 3
Donnerstag, 28. November 2019

Die österreichisch-koreanische Freundschaft, die am Donnerstag zu fortgeschrittener Stunde ins Literaturhaus einkehrt, ist von einer Reihe sympathischer Missverständnisse begleitet. Barbara Zwiefelhofer muss sowohl den südkoreanischen Kulturattache als auch Autorin Jeong Yu-jeong wieder von der Bühne schicken, da sie mit ihrer Einleitung noch nicht fertig ist. Beide gestehen öffentlich ihre Angst – Barbara Zwiefelhofer die Angst vor der Aussprache der koreanischen Namen (es scheint ihr zu gelingen); Yun Jon Seok, der Kulturattache, die Angst vor Publikum generell. Nur die Autorin lächelt angstfrei und auffallend freundlich, was in krassem Gegensatz zu ihrem Buch steht, dem Psychogramm eines Mörders und Psychopathen und zugleich eine Abrechnung mit der Institution Familie, wie Sebastian Fasthuber (Musik- und Literaturredakteur vom Falter) erklärt. „Jong-ui Giwon/der gute Sohn“: Ein junger Mann, Yu-jin, kommt zu sich, kann sich an nichts erinnern und ist voller Blut, seine Mutter tot. Die Familie wohnt in einer leblosen, halbfertigen Siedlung in Südkorea. Der Sohn nimmt seine Medikamente mal mehr, mal weniger. Die Mutter plante alles für ihn, verbot ihm Damenbesuch, Alkohol oder nach 21:00 rauszugehen. Er kann sie nicht zum Schweigen bringen. Auch nach ihrem Tod wird Yu-jin die Stimme der Mutter nicht los.

Jeong Yu-jeong, ursprünglich Krankenschwester, arbeitete hart an ihrer Schriftstellerei, bis sie vor gut zehn Jahren, mit 41, schließlich Erfolg hatte und nach elf Ablehnungen einen der unumgänglichen Wettbewerbe gewann, die es im südkoreanischen Literaturbetrieb zu gewinnen gilt, um wahrgenommen zu werden. In ihrem Essay „Warum ich in den dunklen Wald des Menschen blicke“, den Yu-jeong exklusiv für die Kolik-Spezial-Ausgabe zum Erich-Fried-Festival schrieb, erfahren wir ihre Motivation für den 2016 erschienen Roman, um den der Abend im Literaturhaus kreist. Sie schrieb bereits über Mörder, doch der Anspruch an „der gute Sohn“ war, über einen waschechten Psychopathen aus der ersten Person zu schreiben. Radikale Nähe, wie es Fasthuber in seiner Einleitung nennt. „Außer Yu-jin sollten alle anderen Figuren möglichst wenig facettenreich sein. Denn sie waren nur Werkzeuge Yu-jins, mit denen er sich rechtfertigen will“ heißt es von der Autorin selbst in der Kolik.

„Was für ein Mistkerl!“ schimpft ebenjener Yu-jin in der anschließenden Lesung über einen lallenden, torkelnden Mann, weil dieser eine Frau auf einsamer Straße verfolgt. Doch nur deshalb, weil die Frau eigentlich ihm selbst „zusteht“, so Yu-jins Gedanken. Schließlich hat er extra an der Bushaltestelle gewartet mit dem aufklappbaren Rasiermesser in der Tasche gespielt, zwischendurch überlegt, ob er nicht doch nach Hause gehen und seine Medikamente nehmen sollte, und gehofft, dass nur eine einzige, einsame Frau aus dem Bus steigen würde. Wenn der Betrunkene es ihm jetzt vermassele, müsse er morgen noch mal raus und was dann passiere sei eben die Schuld des Betrunkenen. Der Trinker biegt singend und grölend ab und Yu-jin zieht sich die Latexhandschuhe an. „Ich war eine Marionette meines vegetativen Nervensystems“ denkt Yu-jin über sich selbst und wundert sich, wie schnell die Grenze von Phantasie zur Realität überschritten ist, als er der Frau auf offener Straße die Kehle durchschneidet. Detailliert berichtet er von seinen Körperempfindungen im Moment des Mordens. Realistisch und nüchtern gesteht er sich ein, seine Fähigkeit zur Selbstkontrolle falsch eingeschätzt zu haben und ist dabei ohne Reue, ohne Furcht.

Im anschließenden Gespräch mit Fasthuber, gedolmetscht von der Übersetzerin des Buches Kyong-Hae Flügel, erzählt Yu-jeong vom Prozess der Annäherung an die Figur, davon, dass sie versuchte, als Psychopathin zu leben und zu denken, was bedeute, alles aus der Perspektive von Nützlichkeit oder Schädlichkeit für sich selbst zu betrachten. Sie hatte Skrupel, außer Haus zu gehen, weil sie nicht wusste, was dann passieren würde. Yu-jeong plaudert fröhlich aus dem Nähkästchen. Ihr Mann begann sie zu meiden, nachdem sie mit ihm ausprobierte, ob die imaginierten Mordszenarien physisch möglich sind. „Es war genauso schwer, wieder von Yu-jin loszukommen, wie in ihn hineinzukommen.“, berichtet sie dazu in ihrem Kolik-Essay. Sie musste nach Fertigstellung des Buches ein halbes Jahr allein verreisen, um wieder sie selbst zu werden.

Die präsentierte Szene ist ein Einzelfall. Der Roman enthalte kaum Gewaltszenen, stellt Fasthuber fest und Yu-jeong ergänzt, dass es nicht um die „Höhepunkte“ der Psychopathenkarriere, sondern um dessen Genese und Aufwachsen gehe. Im Kern sei das Buch das Plädoyer des Psychopathen für sich selbst. In ihrem Kolik-Beitrag differenziert Yu-jeong zwischen dem „goldenen Feld“ und dem „dunklen Wald“ des Menschen. Zwei Prozent der Bevölkerung sollen psychopathisch sein, rein böse, ansonsten aber brauche es bestimmte Kräfte – Schicksalsschläge, Wunden – , die einen Sog entwickeln und den dunklen Wald in Brand setzen, die Mordlust real werden lassen. Angelegt sei sie aber in jedem Menschen. Yu-jeong ist keine Autorin, die viel auf das Konzept der Seele gibt; ihre Annäherung ist sachlich, biologisch, naturwissenschaftlich, wie sie uns in ihrem Essay wissen lässt: Mord sei evolutionär ein Ergebnis von Selektionsdruck. Schlicht eine effektive Methode, Konkurrenz auszuschalten und Zugang zu Ressourcen zu haben. Wir alle seien Nachkommen von Mördern. Ihre Literatur sei ein Instrument der Überwachung, eine Vorbereitung auf die Dunkelheit, um ihr nicht die Chance zu geben, das eigene Leben zu zerstören.

Der Abend endet wieder mit unterhaltsamen Missverständnissen. Yu-jeong ist zwar erfolgreich, doch hält sie keine Lesungen in südkoreanischen Fußballstadien, dies sei wohl auf einen Übersetzungsfehler oder eine böse Doppelgängerin zurückzuführen, wie dem Moderator mitgeteilt wird. Auch ihre Karriere als Leistungsschwimmerin ist mehr Legende als Wahrheit (und vielleicht das Ergebnis europäischer Fernost-Klischees, denkt der Blogger).