Schwerpunkt: Krimi & Thriller: Joseph Incardona

Tag 3
Donnerstag, 28. November 2019

Wie eine Ohrfeige, so physisch hebt jede einzelne der drei Passagen an, die Joseph Incardona aus seinem Roman Asphaltdschungel vorträgt. Jede der drei Figuren dieser drei Passagen konfrontiert uns gleich zu Beginn mit ihrem Körper als nutzlosem, belastendem oder aufdringlichem Etwas. Zu allererst Ingrid, die seit dem Verschwinden ihrer Tochter vom Rastplatz einer Autobahn ihre Tage masturbierend auf dem Sofa verbringt; vor den Kriegsreportagen, Reality-Shows, dem Teleshopping im Fernseher befriedigt sie sich lustlos und fließbandartig wie eine Maschine. Es ist eine Selbstgeißelung, wie Incardona später im Gespräch mit Sebastian Fasthuber – Musik- und Literaturredakteur beim Falter – erzählen wird. Nach dem Verlust müsse sie zurück zu diesem Geschlecht, mit dem sie die Tochter geboren hat, die sie nicht beschützen konnte, und sich dort bestrafen. Die Figur Ingrid, so erzählt der in Frankreich erfolgreiche Westschweizer Autor, schockierte an diesem Buch am meisten. Der Roman polarisiere heftig, die Kundenrezensionen seien voller Lob wie voller wüster Beschimpfungen. Dennoch wird das Werk als nichts weniger als ein zukünftiger Klassiker des Genres gehandelt – Incardona gewann 2015 den renommierten “Grand Prix de Littérature Policière”.

Die Perspektive wechselt zu Pierre, dem Vater der Entführten, der im Gegensatz zu Ingrid immer in Bewegung bleiben muss, kein Stillstand, „wie ein Hai“. Er versucht den Entführer seiner Tochter zu finden und verbringt darum sein Leben auf der Autobahnraststätte, schläft im Auto und wandert morgens mit der Hello-Kitty-Waschtasche seiner Tochter in der Hand über Piniennadeln, Glasscherben und benutzte Kondome zur Morgenhygiene in die Autobahntoilette. An diesem Tag begegnet er auf seinem Weg einem Paar um die sechzig mit Wohnmobil, das mit einem Metalldetektor seine Eheringe sucht, die einer der beiden im Vorjahr bei einer Reise im Streit ins Niemandsland am Rande der Raststätte geworfen hat. Nun waren sie acht Monate getrennt und wollen wieder heiraten und „warum neue Ringe kaufen?“. „Steh von diesem Scheißhocker auf! Aber du kannst nicht“, sagt Pierre zu sich selbst, nachdem die beiden ihre Geschichte erzählt haben und Pierre mit zu heißem Kaffee in ihrer Campingeinrichtung sitzt. „Den Dreckskerl finden“ entfährt ihm laut, während er sich in einem Ruck losreißt, sein Revolver aufblitzt. Pierre kann nicht mehr ruhen, auch nicht für eine Tasse Kaffee. Die Entschuldigung an die netten Gastgeber bringt er nicht über die Lippen.

So unruhig wie die Autobahn und der Affekthaushalt Pierres ist der stakkatohafte, elliptische und aufzählende Stil des Buches, erläutert Sebastian Fasthuber in seiner Einleitung. Über die übliche Genreliteratur weit hinausgehend werde hier mit der Sprache selbst gearbeitet. Wo sich die Erzählung von der Autobahn fortbewegt, ändert sich auch der Stil, wird ausschweifender und poetisch, bisweilen durchbricht die harte Realität in Form von Daten, Zahlen und Statistiken den Erzählfluss. Im abschließenden Gespräch mit Fasthuber wird Incardona das Ineinanderfließen von Form und Inhalt herausstreichen und seine Liebe für diejeingen Schriftsteller gestehen, die nahezu ohne konkrete Geschichte auskommen und ausschließlich mithilfe ihres Stils erzählen.

Die Autobahn und ihre umgebende Infrastruktur ist der Hauptschauplatz des Buches. Es handelt sich um einen Nicht-Ort – Incardona verweist hier auf das Konzept des Anthropologen Marc Augé – Orte ohne Geschichte, zu denen niemand einen emotionalen Bezug hat. Zumeist Orte des Transits oder des Konsums und der Übersättigung. Annehmlichkeitssanstalten mit daran angeschlossenen Niemandsländern voll Weggeworfenem, Orte der Verwahrlosung wie der Überfülle zugleich.

Wie anfangs angeklungen, erscheint mir auch der menschliche Körper bei Incardona als ein solcher Nicht-Ort. Der Horror, das Grauen des Buches besteht nicht in der Schilderung von Gewalt oder besonderer Abscheulichkeit, wie Fasthuber feststellt und Incardona erläutert: Er als Schreibender versuchte sich in diesen größtmöglichen Schmerz des Verlusts eines Kindes hineinzuversetzen, so wie er wirklich ist, wie man ihn empfindet, wie man ihn ausdrückt. Es ist furchtbar, weil es so real ist, so Incardona, so körperlich real vor allem, ergänze ich in meinen Gedanken. Die dritte Passage der Lesung handelt von der Polizistin Julie Martinez, die sich mit der Zudringlichkeit der Polizeihunde herumschlagen muss, die zwar keine Spur der Verschwundenen gefunden haben, sich dafür aber sehr für Martinez schmerzhafte Menstruation interessieren. Ihre darüber witzelnden männlichen Untergebenen putzt sie mit militärischer Strenge zusammen und: „Irgendwann werden die den Prostatakrebs an euren Eiern riechen“. Der gute Magen, den Fasthuber dem Publikum in der Einleitung der Lesung wünschte, ist stellenweise von Vorteil.