Erich Fried Preis 2017

Zum Abschluss des Festivals präsentierte sich die Verleihung des Erich Fried Preises an Teresa Präauer als ausgesprochen kurzweilig. Robert Schindel wurde als neuer Präsident der Erich Fried Gesellschaft offiziell bestätigt, Klaus Amann tat in einer wunderbaren Rede seine Achtung vor Laudator Franz Schuh kund, der wiederum in einer eigenen, aus handschriftlichen Notizen abgelesenen Ansprache belegte, warum Teresa Präauer die Auszeichnung fraglos verdient. Überhaupt: Amann, Schuh, Präauer bildeten jeweils einen beeindruckenden Auftritt, je eine eigenwillige Stimme, die es in der circa 90-minütigen Zeremonie aufeinanderfolgend zu erleben gab. In der Laudatio Schuhs kamen zudem Erinnerungen an Erich Fried als gekonnte Spitzen gegen die Politik zum Zug, etwa als Schuh ins Gedächtnis rief, wie Fried zu Lebzeiten Gefahr lief, ins Mahlwerk der Kulturfunktionäre zu geraten.

Ich selbst war im Sommer dieses Jahres in London, um auf Einladung des Austrian Cultural Forums an einem Abend zu Erich Fried teilzunehmen. Ein paar Tage später reiste ich weiter nach Bosnien, zur 22-jährigen Gedenkfeier des Genozids von Srebrenica, ein Umstand, den ich in der Londoner Performance ansprechen wollte. Es ist, was es ist, sagt die Liebe – gerade in Bezug auf Srebrenica, da tausende Frauen ihre Männer, Söhne, Brüder, Väter verloren, diese von den bosnisch-serbischen Militärs unter Befehl von Ratko Mladić erschossen worden waren, fragte ich mich, was von Liebe bleiben kann, wenn sie ein derart gewalttätiges Ende findet und die Überlebenden in die Fremde gezwungen werden. Die Veranstaltung zum Gedenken Frieds fand in der Dissenters’ Chapel des Friedhofs Kensington Green statt, auf dem der Dichter begraben liegt.

Im Publikum waren nicht nur alte Weggefährten Frieds, sondern auch seine Tochter und sein Sohn. Später am Friedhof, am Abend eines ungewöhnlich heißen Julitages, erzählten sie, dass ihr Vater sich geweigert hatte, ihnen Deutsch beizubringen, eine Unterlassung, die sie bereuten, aber auch verstanden: Deutsch blieb für Fried die Sprache der Vertreibung und zugleich die Sprache der Dichtung, ein innerer Bereich im Exil.

In den Nächten während des Festivals, da die Autor*innen und Veranstalter*innen in Gasthäusern beisammen saßen, kam das Gespräch einmal auf Christian Loidl. Der Dichter starb 2001 unter nicht gänzlich geklärten Umständen, als er aus dem Fenster seiner Wohnung stürzte. Exakt zehn Jahre später, am 16. Dezember 2011, gelangte ich als Plus-1 zufällig auf die Gedenkfeier in Loidls unverändert belassener Wohnung. Freund*innen aus Deutschland und den Niederlanden waren ebenso angereist, wie sich Wiener Bekannte eingefunden hatten, um Loidls Todestag mit einer Lesung seiner Gedichte und Originalaufnahmen seiner Auftritte zu begehen. In der Nacht, zum Zeitpunkt seines Todes, gingen wir in den Innenhof, ein Kreis Kerzen brannte dort, wo man seinen leblosen Körper gefunden hatte. Aus dem Fenster sah die letzte Lebensgefährtin Loidls und trug ein Gedicht von ihm vor, während die Gäste zu ihr hochsahen und am Pflasterstein die Lichter flackerten; fraglos ein Ausdruck von Liebe, übern Tod hinaus.