Verleihung des Erich Fried Preises an Frank Witzel

Die Preisträgerin bestimmt die Musik. Während beim letzten Mal der von Steffen Mensching ausgewählte Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel die Veranstaltung allein mit seiner Akustikgitarre begleitete, so wurde dieses Jahr nichts weniger als ein Flügel in die Bibliothek des Literaturhauses geschafft. Bespielt wird er von Stella Marie Lorenz, gemeinsam mit Sängerin Cosima Büsing interpretiert sie Stücke des Komponisten Neuer Musik Bernhard Lang. Den Auftakt der Matinee zur Preisverleihung an diesem Sonntagvormittag macht das Stück „The Crow“, ein intensives, Krähenschreie nachahmendes Stück Musik, unterstützt von Samples präparierter Klaviere.
 
Was der deutsche Schriftsteller Frank Witzel heute verliehen bekommt, ist genaugenommen der Erich Fried Preis des Vorjahres, nachdem das Festival aus bekannten Gründen vom letzten Herbst auf dieses Frühjahr verschoben wurde. Nach dem musikalischen Auftakt übernimmt Robert Schindel, Präsident der Erich Fried Gesellschaft, mit Grußworten, in denen er im Sinne des politischen Autors Erich Fried auf aktuelle Ereignisse Bezug nimmt – auf den Krieg in der Ukraine. „Die Geschichtsrolle rattert nach hinten und nach vorne.“ Der Krieg werde einmütig verurteilt, aber interessiert das diesen Krieg? So Schindel und erzählt von seinem Traum über Attentäter, die zum Kreml laufen.

Der alleinige Juror des Erich Fried Preises 2021 ist Ingo Schulze. Seine ungewöhnlich narrative Würdigungsrede beginnt am Bahnhof Berlin Südkreuz. Der reservierte Platz im ICE nach Wien sei von einem Mann in Blau schon besetzt und dieser mache keine Anstalten aufzustehen. So nimmt Schulze ihm gegenüber Platz und macht sich an die Kürzung seiner Rede („leider ein Drittel“) – bis Nürnberg wolle er damit fertig sein und dann eine Episode „Diener des Volkes“ sehen. Die Laudatio kommt nun auf Witzel zu sprechen und dessen mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman von 2015: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Nur zwischen zwölf und achtzehn sei er ein wirklicher Leser gewesen, so zitiert Schulze den Preisträger, denn ein Schriftsteller könne kein wirklicher Leser sein. „Wir sind Kannibalen“, ergänzt Schulze, können alles Gelesen nur verwerten, zitieren, nicht bloß lesen.

Schulze verhandelt in seiner Rede die Person Frank Witzel im Zwiegespräch mit dem Mann in Blau im ICE, der, so stellt sich heraus, alle Bücher von Witzel gelesen hat, aber von Schulzes germanistischen Ausführungen nicht beeindruckt ist. Das großartige an Witzels Büchern sei, so versucht Schulze seinem Sitznachbarn zu erklären, das unmittelbare und freie Spiel der Figuren, wie sehr sie ein Eigenleben entwickeln. „Erzählen Sie einem nicht alle, das Werk schreibe sich selbst?“, so der Mann in Blau, „glauben Sie, dass interessiert die in Wien? Gewäsch!“ Schulze wird zunehmend irritiert, da beschwert sich zu allem Überfluss eine ältere Dame von der hinteren Sitzreihe über das laute Gespräch, wo sie doch extra in der Ruhezone reserviert habe, und die fiktive Episode reißt ab, als der Mann in Blau den Stapel Witzel-Bücher wie einen Roulettegewinn über den ICE-Tisch zu sich zieht. So endet diese Laudatio, oder diese Ablenkung von einer Laudatio, wie der Laudator selbst sie nennt. Nun die offizielle Verleihung des Preises durch Sektionschef für Kunst und Kultur im BMKOES Jürgen Meindl.

Der Preisträger übernimmt das Mikro und zitiert zu allererst Thomas Bernhard. Nur in äußerster Not, in existentieller Schwierigkeit und höchstens bis zum vierzigsten Lebensjahr dürfe man einen mit Geld verbundenen Preis annehmen, so heißt es in Wittgensteins Neffe, er selbst, Witzel, sei bei seinem ersten Preis leider schon 56 gewesen. Der Preisträger widmet seine Rede der Dummheit bzw. dem Gefühl der Dummheit, das ihn selbst nicht nur in der Jugend, sondern auch im Alter begleite. Je mehr er sich mit etwas beschäftige, je stärker er eine Meinung zu einem Thema entwickle, umso dümmer fühle er sich.

Der Schelm, der Narr sei immer derjenige, der den Wortsinn ignoriert und das Gesagte wörtlich nimmt. Dass es so aber nicht gemeint sei, hält man ihm entgegen, vergesse dabei aber, dass Eindeutigkeit immer ideologisch und manipulativ ist. Genau das ist, was der Narr einem zeigen könne. „Die Begegnung mit einem Narren heißt immer, nicht zu wissen, wer jetzt der Narr ist.“ Witzel denkt dabei auch an Lévi-Strauss: Der Barbar ist der, der einen anderen als Barbar bezeichnet.

Witzels These ist, dass jede Entscheidung, jede Meinung letztlich der willentliche Abbruch eines Denkprozesses sei, der potentiell ewig weitergehen könnte, also in gewissem Sinn sei das Fällen einer Entscheidung eine Form von Dummheit. Demgemäß gelangt er über einen Bogen von Adorno (jeder Aufklärung sei es dialektischerweise eingeschrieben, in Dummheit zu münden) schließlich zu Kant und kehrt dessen Begriff der Urteilskraft um, hin zum „Krafturteil“ – das Machtwort, der performative Sprechakt schlechthin. Am Ende gelangt Witzel wieder zurück zum Narren und zitiert, was seine Mutter immer zu sagen pflegte: Der Narr kann mehr Fragen stellen, als tausend Weise beantworten können.